{"id":134,"date":"2020-12-26T00:49:28","date_gmt":"2020-12-26T00:49:28","guid":{"rendered":"http:\/\/didis-diaries.com\/?p=134"},"modified":"2020-12-26T00:49:28","modified_gmt":"2020-12-26T00:49:28","slug":"heimat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/didis-diaries.com\/?p=134","title":{"rendered":"Heimat"},"content":{"rendered":"\n<p>Dieses seltsame Jahr hat mich mit meiner Herkunft konfrontiert, in unterschiedlichsten Weisen. Im M\u00e4rz wurde ich zum ersten Mal von meiner Heimat abgeschottet, die Grenzen wurden dichtgemacht. Das ist ein ganz komisches, beklemmendes Gef\u00fchl. Und ich, eingepfercht, wie ich mich in meiner Ein-Zimmer-Wohnung in Horn in Hamburg f\u00fchlte, habe auf meinen Fluchtinstinkt gehorcht und mich in die Heimat &#8211; die Schweiz &#8211; gefl\u00fcchtet. Ich war also wieder in meinem Elternhaus, nach zwei Jahren Selbst\u00e4ndigkeit in Z\u00fcrich und Hamburg. Ich f\u00fchlte mich aufgehoben und frei zugleich, mit viel Platz drau\u00dfen und der Familie wieder so nah, wie schon lange nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/didis-diaries.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/IMG_0619-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-137\" srcset=\"http:\/\/didis-diaries.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/IMG_0619-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/didis-diaries.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/IMG_0619-300x225.jpg 300w, http:\/\/didis-diaries.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/IMG_0619-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Ich an einem kleinen Bergsee, in der N\u00e4he des Sella Sees auf dem Gotthardpass.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Juli fuhr ich in die Berge und merkte, wie sehr mir die Topografie und auch das Wetter im Norden Deutschlands fehlt. Viel zu oft nur dunkelgrau und schl\u00e4frig. Schnee und Berge, wie war es m\u00f6glich, dass ich die beiden Dinge vermissen kann? Ich, die so selten an die Berge dachte und den Schnee im Unterland hasste, da er sich immer direkt in Matsch verwandelt und den \u00f6ffentlichen Verkehr lahmlegt? Auch verbrachte ich wunderbare, laue Sommerabende mit guten Freunden &#8211; ausnahmsweise nicht vor einem Bildschirm, sondern in echt. Wie gut das tat, auch wenn es nicht von Dauer war.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nachdem ich Heiligabend alleine in Berlin verbracht habe, kann ich aus voller \u00dcberzeugung sagen: Raclette for one ist so ungef\u00e4hr das Deprimierendste, was es gibt. Zusammen mit einsamen \u00e4lteren Herren in Edeka Weihnachtsspots, der Aussetzung von Disney\u2019s Capper im Wald und Dumbledores Tod bei Harry Potter.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mich aber auch literarisch mit meiner Heimat auseinandergesetzt. Ich habe so viel Schweizer Literatur gelesen, Musik geh\u00f6rt und mich mit unserem Dialekt auseinandergesetzt, wie schon seit langem nicht. Vielleicht braucht es auch den Abstand, um etwas unvoreingenommener auf die eigene Heimat und ihre Eigenheiten blicken zu k\u00f6nnen. Jedenfalls haben mich vor allem zwei junge Schweizer Autorinnen beeindruckt. Und zwar: Simone Lappert und Anna Stern. Was die Romane alle gemeinsam haben: Es spielt sich Vieles nur im Inneren der Charaktere ab und bedarf deshalb auch gar nicht so viel der Handlung. Vielleicht ist es das, was die Romane so kontempor\u00e4r wirken l\u00e4sst &#8211; auch wir k\u00f6nnen aktuell keine weiten Distanzen zur\u00fccklegen und setzten uns dieses Jahr wahrscheinlich \u00f6fter als gewohnt mit uns selber auseinander.<br><\/p>\n\n\n\n<p>In ihrem ersten Roman <strong>Wurfschatten<\/strong> beschreibt <strong>Simone Lappert<\/strong> das Leben von Ada, kurz f\u00fcr Adamine, eine junge Theaterschauspielerin, die von \u00c4ngsten oftmals komplett gel\u00e4hmt ist und die einfachsten Alltagsaufgaben mehr bew\u00e4ltigen kann. Als Juri, der Enkel ihres Vermieters, in ihr Leben und in ihre Wohnung tritt, versucht sie ihn zu Beginn mit aller Kraft auf direktestem Weg wieder aus ihrer Wohnung zu vertreiben. Auch er ist emotional etwas angeschlagen und so finden die beiden nach und nach Trost beieinander.<br>Mit wundersch\u00f6ner Prosa beschreibt Simone Lappert, das Leben mit Angstzust\u00e4nden und wie zwei psychisch verletzte Menschen versuchen k\u00f6nnen, sich gegenseitig zu heilen, wenn nur das Vertrauen zueinander erstmal geschaffen ist.<br><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/didis-diaries.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/stack-1024x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-136\" srcset=\"http:\/\/didis-diaries.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/stack-1024x1024.png 1024w, http:\/\/didis-diaries.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/stack-150x150.png 150w, http:\/\/didis-diaries.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/stack-300x300.png 300w, http:\/\/didis-diaries.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/stack-768x768.png 768w, http:\/\/didis-diaries.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/stack-100x100.png 100w, http:\/\/didis-diaries.com\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/stack.png 1080w\" sizes=\"(max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Ein Stapel B\u00fccher, aufgenommen im Passfoto-Automaten vor dem Helsinki, Z\u00fcrich.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Gewinnerin des diesj\u00e4hrigen Schweizer Buchpreises,<strong> Anna Stern<\/strong> erz\u00e4hlt in ihrem preisgekr\u00f6nten Werk das <strong>alles hier, jetzt <\/strong>von einer jungen Clique, die ihre Freundin Ananke verloren haben und um sie trauern &#8211; jede*r auf ihre\/seine Weise. Abwechselnd werden dem Leser Kindheitserinnerungen und Tagesaktuelles vor Augen gef\u00fchrt, bis sich die die Clique dazu entscheidet einen Roadtrip zu unternehmen.<br>Gekonnt l\u00e4sst die Autorin den Leser die Melancholie der Trauer und die Nostalgie der Kindertage dieses Freundeskreises sp\u00fcren.<br><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Ich bin patriotisch, <br>d Schwiiz isch mer heilig,<br>gnau so wie sMami f\u00fcr sChind.<\/p><cite>Sophie Hunger auf dem Track &#8222;Putsch&#8220;<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Passend zur allgemeinen Stimmung haben <strong>Dino Brand\u00e3o<\/strong>, <strong>Faber <\/strong>und <strong>Sophie Hunger<\/strong> ein wunderbares Album \u00fcber die Liebe herausgegeben: <strong>Ich Liebe Dich<\/strong>. Ich glaube, es ist nicht vermessen zu behaupten, dass sich alle mehr N\u00e4he, mehr Liebe w\u00fcnschen oder gew\u00fcnscht haben dieses Jahr. Auch hier bedarf die Musik nicht der ausgefallensten Instrumentals, sondern konzentriert sich auf die drei Stimmen und wenig mehr. Was mich, abgesehen von der unglaublichen Emotionalit\u00e4t, die jeder einzelne Song ausstrahlt, am meisten beeindruckt, sind die smarten Texte in Dialekt. Davon inspiriert, habe ich versucht etwas \u00fcber Heimat zu schreiben im Dialekt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Heimat<\/strong><br>N\u00fcme det und nani da.<br>Abgreist und nani acho.<br>Es Zw\u00fcscheduredingsda.<br><br>Rastlos dini F\u00fcess, immer in Bewegig.<br>Rastlos dini Gedanke, ohni Wurzle.<br>Rastlos din Blick, st\u00e4ndig schweift er ab.<br><br>Bisch nonig aacho?<br>Ischs nur naml e Station?<br>Wie en Zugvogel uf de Reis in S\u00fcde?<br><br>Rastlos dini F\u00fcess, immer in Bewegig.<br>Rastlos dini Gedanke, ohni Wurzle.<br>Rastlos din Blick, st\u00e4ndig schweift er ab.<br><br>Wiiter vorw\u00e4rts oder doch wider zrugg?<br>Was mol dis Dihei gsi isch h\u00e4t sich i dinere Abweseheit ver\u00e4nderet.<br>Es isch n\u00fcm de Ort, wod mol k\u00e4nnt h\u00e4sch.<br>Es sind n\u00fcm dL\u00fc\u00fct, wod mit ne uufgwachse bisch.<br><br>Und s neue Dihei f\u00fchlt sich nani richtig aa,<br>als w\u00e4rs e Nummere zgross f\u00fcr dich,<br>und du nani ganz driigwachse.<br><br>N\u00fcme det und nani da.<br>Abgreist und nani acho.<br>SL\u00e4be als Zw\u00fcscheduredingsda.<br>W\u00e4nn simmer \u00e4ndli da?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses seltsame Jahr hat mich mit meiner Herkunft konfrontiert, in unterschiedlichsten Weisen. Im M\u00e4rz wurde ich zum ersten Mal von meiner Heimat abgeschottet, die Grenzen wurden dichtgemacht. Das ist ein ganz komisches, beklemmendes Gef\u00fchl. Und ich, eingepfercht, wie ich mich in meiner Ein-Zimmer-Wohnung in Horn in Hamburg f\u00fchlte, habe auf meinen Fluchtinstinkt gehorcht und mich &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/didis-diaries.com\/?p=134\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eHeimat\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/didis-diaries.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/134"}],"collection":[{"href":"http:\/\/didis-diaries.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/didis-diaries.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/didis-diaries.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/didis-diaries.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=134"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/didis-diaries.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/134\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":138,"href":"http:\/\/didis-diaries.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/134\/revisions\/138"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/didis-diaries.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=134"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/didis-diaries.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=134"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/didis-diaries.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=134"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}